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#109: Steht SEO vor dem Aus?

Wie GEO die Spielregeln verändert


Ein Phänomen beschäftigt derzeit zahlreiche Marketingverantwortliche: Websites behalten ihre Top-Rankings bei Google, teilweise sogar Position 1 – doch der organische Traffic sinkt kontinuierlich. Die SEO-Strategie ist perfekt umgesetzt, technisch ist alles optimiert, und dennoch bleiben die Besucher:innenzahlen hinter den Erwartungen zurück.


Der folgende Artikel wurde von Maximilian Griessler und Alexander Leidl, Studenten des Bachelorstudiums Marketing & Kommunikation an der University of Applied Sciences St. Pölten, verfasst.


Dieses Rätsel lässt sich durch ein fundamentales Prinzip der menschlichen Psychologie erklären: den Weg des geringsten mentalen Aufwands. Menschen bevorzugen instinktiv Lösungen, die weniger kognitive Anstrengung erfordern. KI-gestützte Suchmaschinen liefern heute genau das: fertige, synthetisierte Antworten statt langer Listen von Links, die einzeln durchsucht werden müssen.


Die eigentliche Veränderung findet nicht im Google-Algorithmus statt, sondern im Nutzer:innenverhalten selbst. Diese Entwicklung definiert die Spielregeln für digitale Sichtbarkeit neu – und das bereits jetzt, nicht erst in ferner Zukunft.


Diese Verschiebung verändert die zentrale strategische Frage für Marketingverantwortliche: Statt wie bisher lautet die Frage nicht:


"Wie erreiche ich ein gutes Ranking?" sondern nun: "Wie werde ich selbst zur Antwort, die KI-Systeme ihren Nutzer:innen liefern?"


Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen definiert den Unterschied zwischen vergangener und zukünftiger digitaler Strategie. Wer diese Verschiebung versteht und umsetzt, sichert sich Relevanz im Zeitalter der KI-gestützten Suche.


Die folgenden sieben Fakten zeigen die direkten Konsequenzen dieser Verschiebung und sind entscheidend für jede:n, der im digitalen Marketing erfolgreich bleiben möchte.


1. Top-Rankings verlieren deutlich an Klick-Kraft


Die organische Position 1 ist nicht mehr die Traffic-Garantie, die sie einmal war. Der Hauptgrund liegt in den KI-Übersichten (AI Overviews), die prominent am Anfang der Ergebnisseite erscheinen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Das organische Top-Ergebnis verliert rund 34 % seiner Klicks, sobald eine KI-Übersicht angezeigt wird. Noch aussagekräftiger ist eine Studie des Pew Research Center: 99 % der Nutzer:innen, die eine KI-Übersicht sehen, klicken auf keine der darin zitierten Quellen.


2. Der strategische Wandel: Von Klicks zu Erwähnungen


Diese neue Realität erfordert einen Paradigmenwechsel von klassischer Suchmaschinenoptimierung (SEO) zu Generative Engine Optimization (GEO).


Der fundamentale Unterschied:


  • SEO zielt darauf ab, in der Liste der Links aufzutauchen und Klicks zu generieren

  • GEO fokussiert darauf, in der KI-generierten Antwort selbst als maßgebliche Quelle zu erscheinen


Dabei gibt es zwei relevante Kategorien:


Zitationen (mit Verlinkung): Diese können hochqualifizierten Traffic von Nutzer:innen bringen, die nach vertiefenden Informationen suchen. Sie sind selten, aber wertvoll.


Erwähnungen (ohne Link): Diese erzeugen keinen direkten Traffic, bauen aber Markenautorität auf und prägen das Wissen, das KI-Systeme über eine Marke haben. Die neue Erfolgsformel lautet: SEO sorgt für Leistung, GEO sorgt für Integration in die Antwort selbst.


3. Qualität statt Quantität: Das Traffic-Paradoxon


Bei sinkenden Besucher:innenzahlen zeigt sich ein überraschender Effekt: Die verbleibenden Besucher weisen eine signifikant höhere Qualität auf. Traffic von großen Sprachmodellen machte nur 0,5 % der Gesamtklicks aus, war aber für 12 % der Anmeldungen verantwortlich.

 

Diese Nutzer:innen haben bereits die KI-Zusammenfassung konsumiert und suchen aktiv nach weiterführenden Informationen oder konkreten Lösungen. Sie befinden sich in einer späteren Phase der Customer Journey und sind näher an einer Konversionsentscheidung als durchschnittliche Besucher:innen. Das bedeutet: Weniger Traffic kann durchaus mit höherer Conversion-Rate einhergehen, dies ist somit ein Qualitätsparadoxon des KI-Zeitalters.


4. Externe Signale prägen das KI-Bild einer Marke

KI-Systeme beziehen ihr Wissen über Marken primär aus externen Quellen, nicht aus den Inhalten der Unternehmenswebsite selbst.


Relevante Datenquellen umfassen:

  • Kund:innenrezensionen auf Drittplattformen

  • Diskussionen in Foren und sozialen Netzwerken

  • Fachartikel und Branchenpublikationen

  • Unabhängige Blogs und Content-Plattformen


Dabei spielen die Konzepte der Co-Citations (gemeinsame Erwähnung mit anderen Quellen) und Co-Occurrences (Häufigkeit der Nennung in relevantem Kontext) eine zentrale Rolle. KI-Systeme bewerten Autorität nicht nur durch direkte Links, sondern auch durch die Analyse, wie oft eine Marke in Verbindung mit etablierten Akteuren oder relevanten Themen erscheint. Die Implikation: Die gesamte Online-Präsenz und die externen Signale über eine Marke sind entscheidend dafür, wie KI-Systeme diese Marke wahrnehmen und darstellen.


5. Der AI Dark Funnel: Die unsichtbare Customer Journey


Ein neues Phänomen verändert die Analyse des Marketing-Funnels grundlegend: Die frühen Phasen der Customer Journey – Awareness und Consideration – finden zunehmend in geschlossenen KI-Ökosystemen wie ChatGPT oder anderen Sprachmodellen statt.


Der Grund ist das Prinzip der geringsten kognitiven Anstrengung: Nutzer:innen erhalten dort sofortige Antworten auf ihre ersten Fragen, ohne mehrere Websites besuchen zu müssen. Traditionelle Web-Analytics-Tools haben in diesen geschlossenen Systemen keinen Zugriff und können keine Daten erfassen.


Das Resultat ist ein blinder Fleck am Anfang des Marketing-Funnels. Unternehmen sehen nicht mehr, wie potenzielle Kunden:innen erstmals auf ihre Marke aufmerksam werden oder wie die initiale Meinungsbildung stattfindet.


Eine durchdachte GEO-Strategie ist der Weg, diese unsichtbare Phase zu beeinflussen und sicherzustellen, dass die eigene Marke in diesen kritischen frühen Momenten überhaupt präsent ist.

6. SEO als unverzichtbare Grundlage


Bei allen Veränderungen bleibt ein Punkt zentral: GEO ersetzt SEO nicht, sondern baut darauf auf. Eine solide SEO-Basis ist die Voraussetzung dafür, dass KI-Systeme eine Marke als vertrauenswürdige und zitierfähige Quelle einstufen.


Essenzielle Grundlagen umfassen:


  • Hochwertige, relevante Inhalte


  • Nachgewiesene Expertise, Erfahrung, Autorität und Vertrauenswürdigkeit (E-E-A-T)


  • Klare Seitenstruktur und intuitive Navigation


  • Technisch einwandfreie Website-Performance


  • Strukturierte Daten für besseres Verständnis


Ohne diese Fundamente wird eine Marke weder in traditionellen Suchergebnissen noch in KI-generierten Antworten eine relevante Rolle spielen. SEO ist also nicht obsolet, sondern die unverzichtbare Eintrittskarte ins Zeitalter der KI-Suche.


Fazit: Von der Listung zur Integration


Die Mechanismen digitaler Sichtbarkeit haben sich grundlegend verändert. Das Ziel besteht nicht mehr darin, lediglich in einer Liste von Suchergebnissen aufzutauchen. Entscheidend ist heute, als vertrauenswürdige Informationsquelle in jene direkt generierten Antworten integriert zu werden, die KI-Systeme ihren Nutzer:innen ausspielen. Diese Entwicklung markiert den Übergang von einer suchmaschinenorientierten zu einer antwortorientierten Strategie. Wer diesen Wandel versteht und konsequent umsetzt, sichert sich Relevanz im Zeitalter der KI-gestützten Suche.



Quellen









Tabelle zum Download:

1.    Fokus-Shift von Klicks auf Conversions verordnen

 

KPI-Anpassung durchführen: Reduzieren Sie die Gewichtung der reinen organischen Klickrate (CTR) im Reporting.

Conversion-Ziele nachschärfen: Legen Sie den Fokus des Reportings auf die Conversion-Rate und die Qualität der Leads. Weisen Sie dem Traffic aus KI-Übersichten (sofern messbar) einen höheren Wert zu.

Erkenntnis: Weniger Traffic kann bei höherer Qualität bessere Geschäftsergebnisse liefern.

 

2.    Content auf GEO-Eignung umbauen

 

Zitierfähige Abschnitte erstellen: Strukturieren Sie Inhalte so, dass sie präzise, faktenbasierte Antworten auf einzelne Fragen liefern, ideal für die Übernahme in KI-Antworten.

"Werde die Antwort"-Audit: Prüfen Sie Ihren Top-Content kritisch: Wird die Information so umfassend beantwortet, dass ein Klick für den Nutzer überflüssig wird, aber Ihre Marke als Autorität etabliert wird?

Aktionsziel: Vom Ziel Ranking zum Ziel Integration übergehen.

 

3.    Externe Autorität & Co-Occurrences aktiv managen

 

Monitoring ausweiten: Überwachen Sie nicht nur Erwähnungen der Marke, sondern auch die Häufigkeit der Nennung im relevanten Kontext (Co-Occurrences).

Dritte als Verstärker nutzen: Planen Sie gezielte Aktionen, um Co-Citations zu fördern, indem Sie mit etablierten Akteuren der Branche (deren Autorität die KI anerkennt) in Verbindung gebracht werden.

Plattform-Pflege: Optimieren Sie Ihre Präsenz auf Plattformen, die als Datenquelle für KI dienen: Kundenrezensionen auf Drittplattformen und Foren/Social Media.

 

4.    SEO-Basis als nicht verhandelbar festlegen

 

E-E-A-T-Check: Führen Sie einen umfassenden Audit Ihrer Expertise, Erfahrung, Autorität und Vertrauenswürdigkeit durch und beheben Sie Lücken rigoros.

Strukturierte Daten finalisieren: Implementieren Sie alle relevanten Schema-Markups, um das Verständnis der KI für Ihre Inhalte zu maximieren.

Erkenntnis: GEO ersetzt SEO nicht; eine solide SEO-Basis ist die Eintrittskarte ins KI-Zeitalter.

 

5.    "Dark Funnel"-Sichtbarkeit durch authentischen Dialog sichern

 

Relevante Interaktion finden: Identifizieren Sie die Nischen-Plattformen (z. B. Reddit, spezifische LinkedIn- oder Facebook-Gruppen), wo authentische Diskussionen in Ihrer Branche stattfinden.

Beiträge in Ökosysteme integrieren: Beteiligen Sie sich strategisch an diesen Diskussionen, um sicherzustellen, dass Ihre Marke und Ihre Inhalte in den frühen, unsichtbaren Phasen (Dark Funnel) der Meinungsbildung präsent sind.

Hintergrund: Traditionelle Analytics sehen diese erste Meinungsbildung nicht.

 

6.    Strategischen Fokus auf Integration legen

 

Frage neu stellen: Ändern Sie die interne strategische Frage von "Wie erreiche ich ein gutes Ranking?" zu "Wie werde ich selbst zur Antwort, die KI-Systeme ihren Nutzern liefern?".

Vorsprung aufbauen: Nutzen Sie das aktuell offene Zeitfenster. Setzen Sie jetzt Maßnahmen zur Etablierung von Erwähnungsmustern um.

Haltung: Wer diese Verschiebung versteht und umsetzt, sichert sich Relevanz.

 

7.    Monitoring auf Dateneinschränkungen einstellen

 

Daten-Storytelling entwickeln: Da die frühen Funnel-Phasen im Dark Funnel unsichtbar werden, trainieren Sie Ihr Team in der Fähigkeit, mit begrenzten Daten aussagekräftige Geschichten zu erzählen und Entscheidungen abzuleiten.

Neue Korrelationen suchen: Verlassen Sie sich nicht nur auf direkten organischen Traffic. Suchen Sie nach Korrelationen zwischen erhöhten Erwähnungen (GEO-Ziel) und der Steigerung von Anmeldungen/Conversions(Qualitäts-Ziel)

 






Autor: Alexander schließt im Sommer 2026 sein Bachelorstudium „Marketing & Kommunikation“ an der University of Applied Sciences St. Pölten ab.




Autor: Maximilian Griessler hat im Sommer 2026 sein Bachelorstudium „Marketing & Kommunikation“ an der University of Applied Sciences St. Pölten abgeschlossen.







Autorin: Barbara Klinser-Kammerzelt, University of Applied Sciences St. Pölten - Dozentin im Bachelor Marketing & Kommunikation, Master Digital Marketing & Kommunikation





Disclaimer: Namentlich gekennzeichnete Beiträge wie dieser hier geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung des Anbieters wieder

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