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#113: Pixel statt Person

vor 4 Tagen
6 Min. Lesezeit

KI-Influencer*innen im Marketing: Chancen, Grenzen und die Frage nach der Echtheit


Stellen Sie sich vor, die Influencerin, der Sie seit Monaten folgen und deren Produktempfehlungen Sie vertrauen, existiert gar nicht. Kein echtes Gesicht hinter der Kamera, keine realen Erfahrungen mit den beworbenen Produkten, sondern nur Algorithmen, CGI-Software und ein kreatives Team dahinter.


Was nach Science-Fiction klingt, ist längst Realität. Virtuelle, KI-generierte Influencer*innen sammeln Millionen Follower*innen und schließen Kooperationsverträge mit internationalen Luxusmarken ab. Das wirft im Marketing fundamentale Fragen auf: Was bedeutet Authentizität, wenn die Person dahinter gar keine ist? Kann man einer künstlichen Figur überhaupt vertrauen?


Als Masterstudentin des Studiengangs Digital Marketing & Kommunikation an der USTP untersuche Ich, Anna Baumüller, in diesem Artikel, was KI-Influencer*innen sind, wie sie im Marketing eingesetzt werden, was die Forschung über ihre Wirksamkeit sagt und wo ihre Grenzen liegen.


Was sind KI-Influencer*innen?


KI-Influencer*innen, in der Fachliteratur auch als virtuelle Influencer*innen (VI) oder CGI-Influencer*innen bezeichnet, sind computergenerierte Figuren, die auf Social-Media-Plattformen wie echte Personen auftreten. Sie verfügen über eine eigene Biografie, einen Lebensstil, kommentieren das Weltgeschehen und teilen scheinbar persönliche Momente.


Technisch basieren sie auf einer Kombination aus Computer Generated Imagery (CGI), Motion-Capture-Verfahren und immer häufiger auch auf generativer KI. Letztere hilft dabei, Interaktionen in den Kommentaren oder Content-Strategien teilautomatisiert auszuspielen, indem permanent Engagement-Daten und Trends analysiert werden.


Grundsätzlich lassen sich zwei Typen unterscheiden: menschlichkeitsnah gestaltete Figuren wie Lil Miquela, die auf den ersten Blick kaum von realen Personen zu unterscheiden sind, und bewusst stilisierte, comicartige Charaktere wie Noonoouri. Wie die Forschung zeigt, hat diese visuelle Entscheidung massive Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Publikums.


Lil Miquela und Noonoouri: Zwei Modelle, zwei Strategien


Lil Miquela (USA) gilt als bekannteste virtuelle Influencerin weltweit. 2016 erstmals auf Instagram erschaffen, zählt sie heute 2,2 Millionen Follower*innen und kooperierte bereits mit Luxusmarken wie Prada, Calvin Klein und Chanel. Ihr fotorealistischer Look spielt bewusst mit der Grenze zwischen Realität und Maschine. Studien zeigen, dass virtuelle Influencer*innen wie Lil Miquela bei gesponserten Beiträgen bis zu 13,3 Prozent mehr Interaktionen erzielen als vergleichbare menschliche Pendants.


Noonoouri hingegen ist eine bewusst comichafte Figur aus München, gegründet von Designer Jörg Zuber. Als digitale Lifestyle-Figur und Nachhaltigkeitsaktivistin kooperiert sie mit Häusern wie Dior oder Versace. Da sie optisch sofort als Kunstfigur erkennbar ist, umgeht sie das Problem der optischen Täuschung von vornherein. Hier ist die Künstlichkeit kein Versteckspiel, sondern das Konzept.


Beide Beispiele veranschaulichen: Es gibt kein universelles Rezept für virtuelle Influencer*innen. Die Wahl des Designs, der Persönlichkeit und der Plattform muss zur Marke und zur Zielgruppe passen.





Abbildung 1:Lil Miquela: @lilmiquela auf Instagram
Abbildung 1:Lil Miquela: @lilmiquela auf Instagram
Abbildung 2: Noonoouri: @noonoouri auf Instagram
Abbildung 2: Noonoouri: @noonoouri auf Instagram


Warum Unternehmen auf virtuelle Charaktere setzen


Aus Sicht des Markenmanagements bringen Avatare vier unschlagbare Vorteile mit, die auch in der Literatur immer wieder auftauchen


•     Brand Safety und Kontrolle: Menschliche Influencer*innen können in Skandale verwickelt werden, unkontrollierte Meinungen äußern oder plötzlich an Reichweite verlieren. Ein KI-Charakter ist vollständig steuerbar. Jedes Wort und jedes Posting wird strategisch freigegeben.


•     Globale Skalierbarkeit: Ein Avatar kennt keine Zeitverschiebung, spricht mehrere Sprachen und kann zeitgleich in verschiedenen Märkten aktiv sein. Marken können globale Kampagnen ohne logistischen Aufwand umsetzen.


•     Zeitlose Konsistenz: Das Äußere, die Werte und der Kommunikationsstil einer virtuellen Influencer-Persona verändern sich nur, wenn es das Unternehmen so will. Also gibt es keine Alterungsprozesse, oder Identitätskrisen.


•     Langfristige Kosteneffizienz: Während die Initialentwicklung kostenintensiv ist, entfallen danach Honorare für einzelne Posts, Reisekosten und aufwendige Produktionsabsprachen.


Laut dem Influencer Marketing Benchmark Report 2025 von Influencer Marketing Hub nutzen bereits 62,9 Prozent der Marken weltweit KI-basierte Tools in ihren Influencer-Strategien. Nicht nur für virtuelle Charaktere, sondern auch für Auswahl, Performance-Analyse und Content-Optimierung.

Warum sollten Unternehmen also Zeit und Budget in diese Community Management investieren?



Der Blick in die Forschung: Was wirkt wirklich?


Die wissenschaftliche Datenlage wächst rasant und liefert wichtige Insights für die Praxis.

Eine Studie in Computers in Human Behavior untersuchte über fünf Experimente mit insgesamt 1.914 Teilnehmenden, wie virtuelle und menschliche Influencer*innen auf Konsument*innen wirken. Das Ergebnis: Virtuelle Influencer*innen werden als weniger aufrichtig, aber aufregender wahrgenommen. Diese Einschätzung überträgt sich auf die beworbene Marke. Für Marken mit einem dynamischen, innovativen Markenprofil kann das ein Vorteil sein. Für Marken, die auf Vertrauen und Warmherzigkeit setzen, eher nicht.


Kim und Wang verglichen menschliche Influencer*innen, menschenähnliche virtuelle Influencer*innen und animationsartige virtuelle Influencer*innen. Ihr Befund: Authentizität und Glaubwürdigkeit sprechen klar für menschliche Pendants. Virtuelle Charaktere überzeugen hingegen besonders dann, wenn ihr Erscheinungsbild mit dem Markencharakter übereinstimmt.


Kaiser, Manewitsch und Schallner liefern eine wichtige Differenzierung: Persönlichkeit schlägt Aussehen. Konsument*innen engagieren sich stärker mit virtuellen Figuren, die eine klare, konsistente Persönlichkeit ausstrahlen, unabhängig davon, ob sie realistisch oder comicartig gestaltet sind



Das Risiko: Wenn Perfektion unheimlich wird


Ein zentrales Risiko im Design virtueller Influencer*innen ist der sogenannte Uncanny-Valley-Effekt. Dieses Konzept aus der Robotik besagt: Je menschenähnlicher eine künstliche Figur wird, desto sympathischer finden wir sie, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wenn sie fast perfekt menschlich wirkt, schlägt die Sympathie ganz schnell in Unbehagen und Ablehnung um.


Eine aktuelle Studie in HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik (2026) untersuchte KI-Influencer*innen auf drei Perfektionsstufen (perfekt, mäßig perfekt, unperfekt) und bestätigte: Übermäßig perfekte, künstliche Darstellungen können Unbehagen hervorrufen. Ein leicht unperfektes, aber realistisches Design erzeugt höhere Sympathiewerte. Und Qualitative Interviews mit Mitgliedern der Gen Z in Deutschland zeigen: Reale Influencer*innen werden nach wie vor als glaubwürdiger eingeschätzt. Bei virtuellen Influencer*innen wird Expertise primär dem dahinterstehenden Unternehmen zugeschrieben, nicht der Figur selbst.


Wie schief das gehen kann, zeigte der Case rund um die KI-Influencerin „Emma“, die 2024 von einer deutschen Agentur gelauncht wurde. Die Kritik war laut: Medien und User bemängelten die hölzernen, standardisierten Antworten und die flache Persönlichkeit. Das zeigt ganz klar: Ohne starkes Storytelling scheitert ein digitaler Charakter, und zwar gerade wegen seiner künstlichen Natur.


Vertrauen, Transparenz und die Kennzeichnungspflicht


Die Skepsis ist messbar: Laut YouGov vertrauen nur 38 Prozent der Verbraucher*innen den Empfehlungen von CGI-Figuren im gleichen Maße wie echten Menschen. Der Schlüssel, um hier gegenzusteuern, heißt Transparenz. Wenn die Community weiß, woran sie ist, wird die Künstlichkeit akzeptiert. Das gilt besonders für jüngere Zielgruppen.


Rechtlich gibt es (beispielsweise in Österreich) ohnehin keinen Spielraum: Jeder gesponserte Beitrag muss klar als Werbung erkennbar sein – ganz egal, ob ein Mensch oder ein Bot den Post absetzt (§ 26 MedienG, § 6 ECG). Durch die europäische UGP-Richtlinie kommt zudem eine klare Pflicht zur Offenlegung der Künstlichkeit hinzu. Die Täuschung über die Identität ist wettbewerbsrechtlich unzulässig.



Fazit: Pixel ersetzen keine Empathie, aber sie ergänzen sie


Die Prognosen sind massiv: Forbes schätzt den Markt für virtuelle Influencer bis 2030 auf knapp 38 Milliarden US-Dollar. Dennoch wird kein Avatar jemals die echte, emotionale Bindung ersetzen können, von der gutes Influencer-Marketing lebt.


Für die Praxis lassen sich aus der aktuellen Studienlage drei Kernregeln ableiten:


•     Das Markenprofil entscheidet: Dynamische, innovative oder spielerische Marken können von der Aufregung und Kontrolle virtueller Charaktere profitieren. Vertrauensbasierte Kategorien wie Gesundheit, Finanz oder Ernährung profitieren weniger.


•     Persönlichkeit schlägt Perfektion: Eine klare, konsistente Figur mit echtem Storytelling überzeugt mehr als ein technisch perfekter, aber leerer Avatar.


•     Transparenz ist nicht optional: Ob rechtlich oder ethisch: Konsument*innen haben ein Recht darauf zu wissen, wem sie eigentlich folgen. Marken, die das offen kommunizieren, bauen langfristig mehr Vertrauen auf.


Für Sie als Marketingentscheider*in bedeutet das: KI-Influencer*innen sind ein strategisch interessantes Werkzeug, aber kein universeller Ersatz für menschliche Creator*innen. Die kluge Kombination aus beiden ist das Modell der Zukunft.


Quellen


Sorosrungruang, P., et al. (2024). How real is real enough? Unveiling the diverse power of generative AI-enabled virtual influencers and the dynamics of human responses. Psychology & Marketing. https://doi.org/10.1002/mar.22105


Kim, D., & Wang, Z. (2024). Social media influencer vs. virtual influencer: The mediating role of source credibility and authenticity in advertising effectiveness within AI influencer marketing. Computers in Human Behavior: Artificial Humans, 2(2), 100100. https://doi.org/10.1016/j.chbah.2024.100100


Kaiser, C., Manewitsch, V., & Schallner, R. (2025). Designing Influence: How Cartoonish and Humanlike Characters Shape Consumer Decisions. NIM Marketing Intelligence Review, 17(1), 48–53. https://doi.org/10.2478/nimmir-2025-0008


Wißmann, M., & Kern, T. (2026). Zwischen Ästhetik und Authentizität: Die Wirkung digitaler Perfektion von KI-Influencern in der Unternehmenskommunikation. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik. https://doi.org/10.1365/s40702-026-01257-0


Gebauer, L. (2026). Zwischen Authentizität und KI-gestützter Inszenierung: Virtuelle Influencer*innen in der Unternehmenspraxis. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik. https://doi.org/10.1365/s40702-026-01266-z


Kholkina, V., Chesnokova, E., & Zelenskaya, E. (2025). Virtual or human? The impact of the influencer type on Gen Z consumer outcomes. Journal of Product & Brand Management, 34(1), 104–118.


Draheim, Y. (2024). Kennzeichnungspflichten für Virtual Influencer. LRZ. http://www.lrz.legal/2024Rn24


Kolsquare. (2024). Virtuelle Influencer 2024: Innovation und Kontroversen. https://www.kolsquare.com/de/blog/virtuelle-influencer-warum-ihr-einfluss-auf-die-branche-jetzt-schon-real-ist


Influencer Marketing Hub. (2025). The State of Influencer Marketing 2025: Benchmark Report. https://influencermarketinghub.com/influencer-marketing-benchmark-report/


Forbes. (2024). AI and Influencer Marketing: How Businesses Can Navigate the Future.


Mori, M. (1970). The uncanny valley. Energy, 7(4), 33–35.


YouGov. (2025). Vertrauen in CGI-Influencer. Zitiert nach: influence.vision. (2025). KI im Influencer Marketing 2025. https://www.influencevision.com/de/ki-im-influencer-marketing-2025-der-aktuelle-stand/








Autorin: Anna Baumüller studiert aktuell im Masterstudiengang Digital Marketing und Kommunikation an der USTP St.Pölten.














Autorin: Barbara Klinser-Kammerzelt, University of Applied Sciences St. Pölten - Dozentin im Bachelor Marketing & Kommunikation, Master Digital Marketing & Kommunikation





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